Es wird immer heimeliger

Vorletzter Tag, auf in den Kampf. Wobei kämpfen müssen wir nicht großartig, da es immer flach und parallel zum Main geht. Der Radweg an sich ist wenig berauschend, da es größtenteils an der Bundesstraße oder durch Industriegebiete geht.

Dennoch haben wir heute etwas erlebt und zwar:

Wir sind kurz vor Haßfurt und ziemlich müde. Die Luft ist raus, unsere Motivation scheint im Urlaub zu sein und so trödeln wir nur so vor uns hin. Hätten uns heute Senioren ohne E-Bike überholt, dann hätte mich das auch nicht gewundert. Wir radeln also quasi in Schrittgeschwindigkeit und halten zwei- dreimal an, bis wir eine Verkehrskreuzung erreichen. Auf dem Radweg steht ein Mann. Da die Ampel rot anzeigt bleiben wir artig stehen. Da nutzt der Mann die Gunst der Stunde und spricht uns an. Er ist vor wenigen Minuten an uns vorbei gefahren, mit dem Auto kommt er aus Bamberg, und er habe gesehen, dass Sebastian Satteltaschen von Globetrotter dran hat. Seit einem Jahr sei er ein begeisterter Reiseradler geworden und informiert sich aktuell über jegliches Equipment. Da wollte er sich kurz die Zeit nehmen und uns mal fragen. Weshalb er bei der nächstbesten Möglichkeit auf einem Parkplatz angehalten hat um uns dann auf dem Radweg abzufangen. Wir geben ihm Auskunft über all die Dinge die ihn interessieren, dann bedankt er sich herzlich, läuft zurück zum Auto und setzt seine Fahrt fort. Das hat ja fast schon iranischen Charakter. Auf der Straße jemand sehen und dann die Leute wenig später abfangen.
Wir rollen nach Haßfurt hinein und hinten geradewegs wieder hinaus, am Ortsausgang steigen wir in einem Supermarkt ab. Wir benötigen noch etwas für den Abend. In dem Laden herrscht gerade „Regionale Woche“. In den Gängen sind kleine Ständchen aufgebaut, jeder Stand bietet ein anderes Produkt aus der Region an, man darf überall probieren: Wein, Honig, Marmelade, gebratener Kürbis oder Suppe und noch einiges mehr. Wir landen am Marmeladen-Stand. Eine junge Frau, eindeutig nicht deutscher Herkunft, preist uns Konfitüre aus dem Maintal an. Wir kommen ins Gespräch und es stellt sich heraus, sie ist Kirgisin. Wir erzählen ihr von unserer Reise und dass wir auch Kirgistan besucht haben. Sie freut sich wahnsinnig darüber. Seit 9 Jahren lebt sie nun schon in Deutschland und studierte Tourismus. Nun ist sie fertig und am überlegen wie es weiter gehen soll. Ob sie sich in Deutschland einen Job sucht oder in ihre Heimat zurück kehrt um dort ihr Land bzgl. Tourismus auf den Vordermann zu bringen. Lange stehen wir bei ihr und unterhalten uns. Rahat ist eine nette, junge und witzige Frau. Leider müssen wir weiter und sie wird hoffentlich erfolgreich die Marmelade an den Mann/die Frau bringen.

Kirgisin Rahat macht Werbung für fränkische Marmelade

Kirgisin Rahat macht Werbung für fränkische Marmelade


Wir fahren nach Schweinfurt. So langsam spüren wir doch ganz leicht: Unsere Reise neigt sich dem Ende zu. Doch richtig traurig sind wir immer noch nicht. Es ist irgendwie ein seltsames Gefühl. Wir versuchen uns immer wieder bewusst zu machen das nun bald Schluss ist, z.B. das wir heute das letzte Mal zelten werden, dass wir, wenn wir zu Hause angekommen sind unsere Taschen komplett ausräumen und nicht wie bisher ein paar Tage später wieder einräumen werden…. All solche Dinge eben die uns ganz klar sagen: Bald ist es wirklich vorbei. Dennoch sind wir nicht traurig. Es scheint noch immer nicht in unseren Köpfen angekommen zu sein.
In der Nähe des stillgelegten Kernkraftwerks Grafen-Rheinfeld bauen wir unser Zelt auf. Als die Dämmerung herein bricht schlüpfen wir ins Zelt. Es ist ungemütlich kalt. Wie freue ich mich, ab sofort wieder jede Nacht in einem kuschligen Bett schlafen zu dürfen.

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